Interview: SIRPLUS sorgt mit Lebensmittelrettung für Win-win-win-Situationen

18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland pro Jahr auf dem Müll. Das entspricht einer LKW-Ladung pro Minute. Die Gründer des Social-Impact-Start-ups SIRPLUS sagen, dass Lebensmittelverschwendung, wäre es ein Land, der drittgrößte CO2-Emittent der Welt wäre. Gleich nach der Volksrepublik China und den USA. Deswegen rettet SIRPLUS Lebensmittel und führt sie zurück in den Kreislauf – mit dem Ziel, das Lebensmittelretten „mainstream“ zu machen. Mit Erfolg: SIRPLUS ist Preisträger der Initiative „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ und hat den Bundespreis „Zu gut für die Tonne 2018″ für sein Engagement gegen Lebensmittelverschwendung gewonnen, den das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft vergibt.

Hinter SIRPLUS stehen Menschen, die sich schon lange mit dem Thema Food Waste und seine Auswirkungen auf die Umwelt beschäftigen: Martin Schott und Raphael Fellmer. Letzterer lebte fünf Jahre ohne Geld, schrieb ein Buch darüber und rief die Lebensmittelretter-Bewegung ins Leben, die später mit foodsharing.de fusionierte. Auf dem Climate-KIC Demo Day 2018 haben wir Raphael Fellmer gesprochen und ihn zu SIRPLUS, seiner Mission und seinen Plänen befragt.

 

Was ist SIRPLUS?

Ein Social-Impact-Start-up, das die Lebensmittelverschwendung entlang der gesamten Wertschöpfungskette reduziert. Indem wir Groß- und Einzelhändlern sowie Landwirten überschüssige Lebensmittel, welche die Tafeln nicht retten, zu einem kleinen Preis abkaufen und den Konsumenten dann in unseren Rettermärkten sowie dem Onlineshop anbieten, schaffen wir eine Win-win-win-Situation: für unsere Partner, unsere Kunden und für die Umwelt.

Raphael Fellmer (Vortragender)

Raphael Fellmer beim Vortrag

Was bedeutet der Name „SIRPLUS“?

Wenn man SIRPLUS mit „u“ schreibt, also „surplus“, bedeutet es im Englischen „Überschuss“. Wir haben ein Wortspiel mit „i“ daraus gemacht. Der „Sir“, der Butler, bringt das Zuviel an Lebensmitteln wertschätzend – dafür steht das „Plus“ – zurück in die Gesellschaft.

Welches Problem löst ihr mit eurem Business?

Das größte Problem ist, dass etwa ein Drittel aller Lebensmittel weltweit – und 50 Prozent in Europa – weggeschmissen wird. Davon auch ein Großteil zuhause. Deswegen möchten wir das Bewusstsein für diese Thematik wecken, den Umgang mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum ändern und gleichzeitig eine praktische Lösung schaffen, damit alle sich am Retten von Lebensmitteln beteiligen können.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das euch zu SIRPLUS geführt hat?

Das Schlüsselerlebnis konkret für die Idee zu den Rettermärkten kam, als wir angefangen haben, unsere Konzepte zum Thema Lebensmittelrettung zu entwickeln. Da haben wir irgendwann gemerkt, dass freiwilliges Retten zu einer bestimmten Uhrzeit für viele einfach nicht klappt. Wir beschlossen also, dass Ganze alltäglicher zu gestalten. So kamen wir auf die Rettermärkte und einen Onlineshop, wo jeder einfach wann er möchte, genau das retten kann, was er möchte – und gerade braucht. Wir wollen die Lebensmittelrettung auf diese Weise salonfähig machen und aus der Nische herausholen.

Eine Konkurrenz für beispielsweise die Tafeln seid ihr damit aber nicht, oder?

Nein, bei uns gilt: Tafeln zuerst. Wir nehmen nur das mit, was andere aus verschiedenen Gründen nicht annehmen können.

Was können die Tafeln nicht nehmen?

Pfand zum Beispiel. Manchmal können Organisationen die Kühlkette auch nicht gewährleisten oder sie verfügen einfach nicht über die entsprechende Logistik. Ein weiterer Grund ist, dass die Kapazitäten manchmal nicht ausreichen, um die enormen Mengen von überschüssigen Lebensmitteln anzunehmen und zu verteilen. Es gibt verschiedene Lebensmittel, welche die Tafeln beispielsweise zwar annehmen dürfen, es aber aus Haftungsgründen nicht tun – unter anderem bei Lebensmitteln, die abgelaufen sind und erst überprüft werden müssten. Als derjenige, der Lebensmittel in den Verkehr bringt, wird man haftbar. Deshalb überprüfen wir auch alle Lebensmittel, die wir über SIRPLUS verkaufen sehr genau. In den Läden zeigen wir deshalb auch an, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.

Ist es erlaubt, Lebensmittel mit abgelaufenem MHD zu verkaufen?

Ja, das ist komplett legal. Jeder Laden darf das machen – und sogar zum gleichen Preis. Du könntest theoretisch sogar den Preis anheben. Das kauft dann natürlich keiner, aber in der Theorie ist es möglich.

Wir sehen uns damit auch ganz klar als Impact: Wir haben in den letzten zwölf Monaten zwar mehr als 700 Tonnen Lebensmittel gerettet, aber wenn nur ein Prozent der Menschen, die wir jetzt schon erreicht haben, zehn Prozent von ihrem Food Waste reduzieren, weil sie zwischen Mindesthaltbarkeitsdatum und Verbrauchsdatum unterscheiden können, dann haben wir noch viel mehr gerettet. Da 40 Prozent der Lebensmittelverschwendung in den Haushalten stattfindet, sehen wir da ganz viel Potenzial, dass die Menschen achtsamer werden. Das fängt schon damit an, nicht hungrig einkaufen zu gehen, den Kühlschrank besser im Blick zu haben und wenn mal etwas abgelaufen ist, auf die Sinne zu vertrauen.

Was ist eure Zukunftsvision?

Wir möchten online skalieren und mehr Rettermärkte eröffnen. Noch weiter in der Zukunft sehen wir das Thema Franchising sowie eigene Produkte, die wir zum Beispiel aus Überproduktionen unter unserem eigenen Label selbst herstellen. Deshalb bauen wir unsere Marke auf, um dann auch in den Einzelhandel einsteigen zu können.

Was sind im Moment eure größten Herausforderungen?

Unser Wachstum – und damit einhergehend: alle nötigen Prozesse hinterherzuziehen. Das ist das eine Thema. Das andere ist die Finanzierung. Wir brauchen jetzt ein weiteres Darlehen.

Wo siehst du die nächsten Rettermärkte?

In Potsdam wahrscheinlich (lacht) … und dann in Hamburg.

Autorin: Anita Vetter, Freiberufliche Texterin und Redakteurin

 
Location
Deutschland
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